Bemannte Raumflüge

Internationale Flug-Nr. 171

Sojus TM-20

Witjas

Russland

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Start-, Bahn- und Landedaten

Startdatum:  03.10.1994
Startzeit:  22:42 UTC
Startort:  Baikonur
Startrampe:  1
Bahnhöhe:  200 - 249,6 km
Inklination:  51,65°
Ankopplung MIR:  06.10.1994, 00:28:15 UTC
Abkopplung MIR:  22.03.1995, 00:43:08 UTC
Landedatum:  22.03.1995
Landezeit:  04:04 UTC
Landeort:  50° 31' N, 67° 21' O

Crew auf dem Weg zum Start

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alternatives Crewfoto

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Besatzung

Nr.   Name Vorname Position Flug-Nr. Flugdauer Erdorbits
1  Wiktorenko  Alexander Stepanowitsch  Kommandant 4 169d 05h 21m  2677 
2  Kondakowa  Jelena Wladimirowna  Bordingenieurin 1 169d 05h 21m  2677 
3  Merbold  Ulf Dietrich  Forschungskosmonaut 3 31d 12h 35m  499 

Sitzverteilung der Besatzung

Start
1  Wiktorenko
2  Kondakowa
3  Merbold
Landung
1  Wiktorenko
2  Kondakowa
3  Poljakow

Animationen: Sojus

(erfordert Macromedia Flash Player)
mit freundlicher Genehmigung von www.marscenter.it

Double-Besatzung

Nr.   Name Vorname Position
1  Gidsenko  Juri Pawlowitsch  Kommandant
2  Awdejew  Sergej Wassiljewitsch  Bordingenieur
3  Duque  Pedro Francisco  Forschungskosmonaut

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Flugverlauf

Start vom Kosmodrom Baikonur; Landung 54 km nordöstlich von Arkalyk.

Am 03. Oktober 1994 wurde vom Kosmodrom Baikonur die 17. Stammbesatzung der MIR, Kommandant Alexander Wiktorenko und Bordingenieurin Jelena Kondakowa zusammen mit dem deutschen Forschungskosmonauten Ulf Merbold an Bord von Sojus TM-20 auf den Weg zur Raumstation MIR geschickt. Während des Anfluges zur Station koppelte von dort der unbemannte Frachter Progress M-24 ab und wurde über dem südlichen Pazifik gezielt zum Absturz gebracht.

Nach zweitägigem Alleinflug koppelte Sojus TM-20 am 06. Oktober 1994 an die Raumstation MIR an. Wesentliches Ziel der Mission war der planmäßige teilweise Austausch der MIR-Stammbesatzung. Während des automatischen Annäherungsmanövers zum Vorderstutzen der MIR kam das Raumschiff ins Trudeln. Kommandant Alexander Wiktorenko dockte daraufhin das Raumschiff manuell und ohne weitere Probleme an. Dies war genau das, was auch mit Progress M-24 passiert ist und zeigte, dass das Problem doch an Bord von MIR lag.

Nach der Übergabe der Station durch die 16. Stammbesatzung bildeten Alexander Wiktorenko und Jelena Kondakowa zusammen mit dem Langzeit-Kosmonauten Waleri Poljakow die 17. MIR-Stammbesatzung.

Im Rahmen des europäischen Programms EUROMIR 94 arbeiteten die Stammbesatzung zusammen mit Ulf Merbold an einem wissenschaftlichen Forschungsprogramm. Wissenschaftlicher Schwerpunkt des Flugprogramms waren dabei medizinische Tests. So wurden die Anpassung an die Schwerelosigkeit, Muskelschwund und Gewichtsverlust sowie die Umstellung der inneren Uhr untersucht. Darüber hinaus widmete man sich aber auch der Strahlenbelastung im Erdorbit. Um den allgemeinen Gesundheitszustand einschätzen zu können, nahm Ulf Merbold täglich Blut-, Urin- und Gewebeproben. Erstmals wurden von Bord der russischen Raumstation auch Videokonferenzen abgehalten. So hielt Ulf Merbold am 19. Oktober 1994 eine Unterrichtsstunde, in der er Fragen von Kindern beantwortete.

Im Verlaufe der Mission kam es mehrfach zu Energieengpässen, so dass das Untersuchungsprogramm umgestellt werden musste. Einmal führte eine extensive Experimentiertätigkeit sogar zu einer weitgehenden Entladung der Batterien auf der Station, wodurch eine kritische Situation eintrat. Energieintensiv waren auch die fünf geplanten materialwissenschaftlichen Experimente, die deshalb nicht mehr ausgeführt werden konnten. Während der Mission konnten die europäischen Wissenschaftler ihre automatischen Experimente weitgehend selbst überwachen.

Mit einem automatischen Manöver begab sich der Orbitalkomplex MIR am 11. Oktober 1994 in einen Energiesicherheitsmodus, d.h. alle Großenergieabnehmer an Bord wurden abgeschaltet. Der Grund dieser Maßnahme lag in einer Überbelastung des Energiesystems, hervorgerufen durch das Aufladen der Batterien des Raumschiffes Sojus TM-19 und der hohen Energiebelastung durch zahlreiche Video-Konferenzen. Da bei sechs Mann Besatzung die Lebenserhaltungssysteme oberste Priorität hatten, wurden die Stabilisierungskreisel ausgeschaltet. MIR wurde nun manuell in Position gehalten. In den nächsten Tagen bestand die Aufgabe der Besatzung darin, die heruntergefahrenen Kreisel wieder zu aktivieren und die Batterien vorsichtig wieder aufzuladen.

Zwei Tage später verursachte ein Kurzschluss einen kleinen Brand in dem Sauerstoffgenerierungssystem Elektron, der von Waleri Poljakow aber sofort gelöscht werden konnte.

Ab 01. November 1994 wurde es für Ulf Merbold Zeit, die gewonnenen Forschungsergebnisse zu verstauen. Die während des Flugs in dem ESA-Kühlschrank gelagerten Proben (34 Blut-, 85 Urin- und 125 Speichelproben) wurden von Ulf Merbold in einem isolierten Behälter mitgenommen, während der Rest mit Atlantis nach ihrem ersten erfolgreichen Andocken zurückgeführt wurde, denn weder in Sojus TM noch in den Raduga-Landekapseln war genug Platz. Leider waren vier Blutproben verdorben, weil während des Stromausfalls die Temperatur innerhalb des ESA-Kühlschranks auf fast 20°C gestiegen war.

Sojus TM-19 koppelte am 02. November 1994 ab und entfernte sich bis zu 190 Meter von der MIR, um danach im automatischen Modus das hintere Kopplungssystem zu testen. Das Flugmanöver dauerte 35 Minuten. An Bord befanden sich Juri Malentschenko, Talgat Mussabajew und Ulf Merbold. Das Manöver gelang, so dass der hintere Kopplungsstutzen für die Ankopplung der Progress-Frachter mit dem Kurs-System freigegeben wurde.

Am 04. November 1994 legte Sojus TM-19 Juri Malentschenko, Talgat Mussabajew und Ulf Merbold endgültig vom der Orbitalstation ab und landete einige Stunden später in der kasachischen Steppe.

Am 13. November 1994 um 09:04:29 UTC erreichte der unbemannte Frachter Progress M-25, der zwei Tage zuvor um 07:21 UTC vom Kosmodrom Baikonur gestartet war, die Raumstation MIR. Seine Ladung bestand aus wissenschaftlichen Geräten, Wasser, Lebensmittel und Treibstoff. Zudem befanden sich die Ersatzteile für das Gerät Kristallisator in dem Transporter.

Im Dezember 1994 waren die Kosmonauten vorrangig mit Strahlungsuntersuchungen und der Messung von Einflüssen von Mikrometeoriteneinschlägen sowie deren Auswirkung auf verschiedene Materialien und Bauteile auf der Außenhaut der Orbitalstation beschäftigt. Eine Serie von medizinischen Untersuchungen, in deren Mittelpunkt die Herzfunktion und die Zirkulation in den inneren Organen bei den Kosmonauten Alexander Wiktorenko und Jelena Kondakowa standen, wurde abgeschlossen. Waleri Poljakow untersuchte seine eigene physikalische Leistungsfähigkeit und seine Gleichgewichtsfunktion.
Mit einer Reihe astrophysikalischer Beobachtungen, bei denen auch die Geräte auf Kwant1 zum Einsatz kamen und ausführlichen geophysikalischen Studien der Erdoberfläche begann die 17. Stammbesatzung des Orbitalkomplexes MIR das Jahr 1995.

Mit dem Ab- und Ankoppeln des Raumschiffes Sojus TM-20 am 11. Januar 1995 mit der Mannschaft Alexander Wiktorenko / Jelena Kondakowa / Waleri Poljakow wurde das automatische Kopplungssystem Kurs am Bug getestet (Abkopplung 08:59 UTC, Ankopplung am gleichen Platz 09:27 UTC). Die maximale Entfernung betrug bei diesem Manöver 160 Meter. Techniker im Flugleitzentrum Kaliningrad haben entdeckt, dass die Flugcomputer von Progress M-24 und Sojus TM-20 falsche Werte für das Massenzentrum der jeweiligen Kapseln hatten, so dass die automatischen Kopplungsmanöver misslingen mussten. Nach einer simplen Umprogrammierung konnte mit dem jetzigen Koppelmanöver bewiesen werden, dass das Kurs-Flugleitsystem am Bug funktioniert. Dies war wichtig für die Expansionspläne von MIR.


Am 03. Februar 1994 hob die Raumfähre Discovery (STS-63) von Cape Canaveral ab, um ein Rendezvous mit der MIR auszuführen. Mit an Bord war auch Wladimir Titow, der für den Sprechfunkverkehr mit der MIR zuständig war. Kurz nach dem Erreichen des Orbits stellt sich heraus, das zwei Düsen des Lagekontrollsystems leckten und Treibstoff austrat. Dies war an sich nicht dramatisch, jedoch meldeten die russischen Techniker bedenken an - sie befürchteten, dass der Treibstoff die Solarzellenflächen und Sensoren auf der Außenhaut von MIR verätzen und somit unbrauchbar machen könnte. Unter diesen Umständen sollte sich Discovery auf nur 125 Meter annähern. Nachdem die beiden Düsen abgeschaltet worden waren und kein Treibstoff mehr austat, kam das "Go" aus dem Kontrollzentrum in Kaliningrad für ein Rendezvous in nächster Nähe.

Am 06. Februar 1995 stand die wichtigste Aufgabe von STS-63, das Rendezvous mit der russischen Raumstation MIR, auf dem Flugplan. Anders als bei der mit STS-71 geplanten ersten Ankopplung an die Station, sollte James Wetherbee eine Standard-V-Bar-Annäherung fliegen. Dabei befindet sich der Orbiter zunächst in einer Position vor der MIR und nähert sich dann der Station von unten.
Zuerst wurde die MIR vom Kontrollzentrum in die Rendezvouslage gebracht. Dabei zeigte ihre Hauptachse zur Erde hin. Das Modul Kristall befand sich in Flugrichtung. In einem Abstand von 610 Metern übernahm James Wetherbee vom hinteren Flugdeck aus die manuelle Steuerung. Durch die dort befindlichen oberen Fenster konnte er die MIR sehen. In einer Entfernung von 312 Metern schaltete er auf den sogenannten "Low-Z Mode" um, bei dem nur noch nicht auf die Raumstation gerichtete Düsen verwendet werden. Schließlich befand sich die Discovery auf gleicher Höhe 122 Meter vor der MIR. Mit einer Rate von 9 bis 3 Zentimeter pro Sekunde brachte James Wetherbee den Orbiter dann an die Station heran. Der geringste Abstand zwischen den beiden Raumflugkörpern betrug am Ende des Manövers (19:23 UTC) nur noch 11,3 Meter. Zehn Minuten später entfernte sich die Discovery wieder von der MIR bis sie eine Position in 122 Metern Entfernung erreicht hatte. Von dort aus umkreiste das Space Shuttle die MIR einmal. Das Manöver wurde von Janice Voss mit der IMAX-Kamera dokumentiert. Danach zündete James Wetherbee die Steuerungsdüsen der Discovery, um sich von nun an mit jedem Orbit 20 Kilometer weiter von der MIR zu entfernen.


Mit Experimenten und Ausrüstungen für das geplante russisch-amerikanische Unternehmen startete am 15. Februar 1995 um 16:48:27 UTC das Transportraumschiff Progress M-26. Am folgenden Tag um 13:03:00 UTC legte Progress M-25 von der MIR ab und machte damit den Andockplatz für den nächsten Frachter frei. Die Raduga-Landekapsel brachte 150 kg an Forschungsergebnissen zur Erde zurück, während der Versorgungsteil des Frachters über dem südlichen Pazifik zum Absturz gebracht wurde und weitgehend verglühte. Zwei Tage später 18:21:36 UTC legte Progress M-26 u.a. mit knapp 134 kg amerikanischer Ausrüstung planmäßig an der Orbitalstation an.

Am 14. März 1995 startete Sojus TM-21 mit der 18. Stammbesatzung der MIR. Diese bestand aus Kommandant Wladimir Deshurow, Bordingenieur Gennadi Strekalow und dem amerikanischen Forschungskosmonauten Norman Thagard.
Um die Ankopplung der neuen Stammbesatzung zu erleichtern, wurde der unbemannte Frachter Progress M-26 während des Anfluges von Sojus TM-21 am 15. März 1995 um 02:26:38 UTC abgekoppelt. Beladen mit Abfall aus dem Orbitalkomplex verglühte er wie vorgesehen beim Eintritt in die Atmosphäre am 15. März 1995 um 06:15:00 UTC.

Sojus TM-21 koppelte am 16. März 1995 an Kwant1 an und Wladimir Deshurow, Gennadi Strekalow und Norman Thagard wechselten in den MIR-Komplex über. Mit der Ankunft von Norman Thagard begann die Ära der amerikanischen Astronauten an Bord von MIR. Ungleich wie die Gäste zuvor war sein Aufenthalt zeitlich nicht durch die Übergabe mit der vorhergehenden Stammbesatzung beschränkt, sondern er war ein volles Mitglied der Besatzung und sollte auch eine volle Periode von sechs Monaten bleiben.
Mit den Shuttle-MIR-Flügen wurden die Astronauten etwa im 6-Monats-Takt ausgetauscht, so dass nach den Plänen der NASA bis zum Bau der internationalen Raumstation ISS die USA permanent im All vertreten sein sollte. Bei Norman Thagard hing sein Abholdatum allerdings von der Ankunft des Moduls Spektr ab, da mit diesem Modul ein Großteil seiner Ausrüstung mitgeliefert wurde (je 100 kg wurden schon von Progress M-24 und M-26 mitgeliefert). Dementsprechend wäre bei einer Startverzögerung das erste MIR-Shuttle-Docking ebenfalls verzögert worden, da die Ablöse für die derzeitige russische Stammbesatzung, welche speziell für die Inbetriebnahme von Spektr trainiert wurde, mit Atlantis kommen sollte.

Am 22. März 1995 koppelte Sojus TM-20 von der MIR ab und landete mit den russischen Kosmonauten Alexander Wiktorenko und Jelena Kondakowa sowie dem Arzt Waleri Poljakow in der kasachischen Steppe. Waleri Poljakow setzte einen neuen Rekord im All. Er blieb für 438 auf der Raumstation, so dass Langzeitstudien über die Auswirkung der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper gemacht werden konnten. Wieder auf der Erde zurück, bestand er darauf, seine ersten Schritte ohne fremde Hilfe zu machen. Dies demonstrierte seine gute Verfassung.

Anmerkung

Ulf Merbold am 04. November 1994 um 11:18 UTC mit Sojus TM-19 gelandet.

Fotos / Zeichnungen

 

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Letztes Update am 31. Dezember 2013.