Bemannte Raumflüge

Internationale Flug-Nr. 167

Sojus TM-19

Agat

Russland

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Start-, Bahn- und Landedaten

Startdatum:  01.07.1994
Startzeit:  12:24 UTC
Startort:  Baikonur
Startrampe:  1
Bahnhöhe:  202 - 222 km
Inklination:  51,6°
Ankopplung MIR:  03.07.1994, 13:55:01 UTC
Abkopplung MIR:  04.11.1994, 08:31:30 UTC
Landedatum:  04.11.1994
Landezeit:  11:18 UTC
Landeort:  50° 54' N, 67° 36' O

Crew auf dem Weg zum Start

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alternatives Crewfoto

Besatzung

Nr.   Name Vorname Position Flug-Nr. Flugdauer Erdorbits
1  Malentschenko  Juri Iwanowitsch  Kommandant 1 125d 22h 53m  1993 
2  Mussabajew  Talgat Amangeldijewitsch  Bordingenieur 1 125d 22h 53m  1993 

Sitzverteilung der Besatzung

Start
1  Malentschenko
2  Mussabajew
3  
Landung
1  Malentschenko
2  Mussabajew
3  Merbold

Animationen: Sojus

(erfordert Macromedia Flash Player)
mit freundlicher Genehmigung von www.marscenter.it

Double-Besatzung

Nr.   Name Vorname Position
1  Wiktorenko  Alexander Stepanowitsch  Kommandant
2  Kondakowa  Jelena Wladimirowna  Bordingenieurin

Flugverlauf

Start vom Kosmodrom Baikonur; Landung in der Steppe von Kasachstan (88 km nordöstlich von Arkalyk).

Am 01. Juli 1994 startete die 16. MIR-Stammbesatzung, Kommandant Juri Malentschenko und Bordingenieur Talgat Mussabajew, an Bord des Raumschiffs Sojus TM-19. Keiner von den beiden Kosmonauten hatte Weltraumerfahrung. Dies war sehr ungewöhnlich, denn vor gut 20 Jahren wurde entschieden, dass bei einer Besatzung mit mehr als zwei Personen mindestens einer Flugerfahrung haben sollte. Dies war Folge des Fehlschlags von Sojus 25 gewesen. Der Kasache Talgat Mussabajew wurde anstelle von Alexander Kaleri eingesetzt, um die politischen Beziehungen von Russland zu Kasachstan zu verbessern. Dabei entbrannte ein Disput über den Status des kasachischen Kosmonauten: War er nun ein internationaler Besucher oder ein Mitglied der Stammbesatzung? Aufgrund seines Werdegangs im russischen Kosmonautenkorps wurde entschieden, dass er als vollwertiges Mitglied der Stammbesatzung anerkannt wurde.

Nach zweitägigem Alleinflug koppelte Sojus TM-19 am 03. Juli 1994 an die Raumstation MIR an. Nach der Übergabe der Station durch die 15. Stammbesatzung bildeten die beiden Kosmonauten zusammen mit dem Langzeit-Kosmonauten Waleri Poljakow die 16. MIR-Stammbesatzung.

Mit dem Raumschiff Sojus TM-18 koppelte am 09. Juli 1994 die alte Stammbesatzung Wiktor Afanassjew und Juri Ussatschow vom Orbitalkomplex ab und landete gut drei Stunden später im vorgesehenen Zielgebiet in Kasachstan.

Medizinische Versuche zur Erforschung der Schwerelosigkeit bei Langzeit-Flügen wurden durchgeführt. Daneben unternahm die Besatzung materialwissenschaftliche Experimente (so z.B. Halbleiter, Metalllegierungen), aber auch Instandsetzungsarbeiten und Forschungen auf den Gebieten Erderkundung, Astrophysik und Biotechnologie.

Am 25. August 1994 startete vom Kosmodrom Baikonur Progress M-24. Als Fracht führte Progress neben Nahrungsmitteln, Treibstoff und diversen Ausrüstungsgegenständen auch 276 kg wissenschaftliche Ausrüstungen für die Mission EUROMIR 94 mit.

Beim Anflug des unbemannten Transportraumschiffs Progress M-24 am 27. August 1994 traten erhebliche Probleme auf. Der erste Versuch, den Frachter automatisch anzudocken, misslang. In einem Abstand von 10 Metern wurde das Kopplungsmanöver automatisch abgebrochen, nachdem eine falsche Ausrichtung entdeckt worden war. Das Resultat war ein Beinahezusammenstoß mit einer Solarzellenfläche. Die Ursache für die falsche Ausrichtung war nicht klar, so dass das Kurs-System mit höheren Toleranzwerten neu programmiert wurde.
Beim zweiten Versuch am 30. August 1994 wurde der Andockstutzen von Progress M-24 zwar zwei- bis viermal langsam in den Konus hineingeschoben, dann aber driftete der Frachter davon. Jeweils im letzten Moment fing der Transporter an, von der Ideallinie abzuweichen. Die Situation wurde nun prekär, da der Transporter nur noch für eine Annäherung Treibstoff hatte.
Am 02. September 1994 steuerte Juri Malentschenko Progress M-24 manuell von einen Kontrollpult der MIR. Ein Fernsehbild innerhalb der MIR zeigte das Andockknoten von Progress M-24 aus betrachtet. Dasselbe Bild war auch in der Kontrollstation am Boden zu sehen. In eindrucksvoller Weise koppelte Juri Malentschenko Progress M-24 per Fernsteuerung ohne weiteren Zwischenfall an die MIR an. So wäre es bei einem erneuten Fehlschlag durchaus möglich gewesen, dass Juri Malentschenko, Talgat Mussabajew und Waleri Poljakow aufgrund von Mangel an Nahrungsmitteln vor dem Eintreffen der nächsten Stammbesatzung der MIR im Oktober 1994 die Raumstation hätten verlassen müssen. Zudem hätte bei einem Verlust der ESA-Geräte die EUROMIR 94-Mission abgeblasen werden müssen. Dies wäre angesichts der desolaten finanziellen Lage der russischen Raumfahrt eine Katastrophe gewesen.

Den ersten Außenbordeinsatz absolvierten Juri Malentschenko und Talgat Mussabajew am 09. September 1994 (5h 06m). Die Kosmonauten inspizierten den Andockknoten, an dem Progress M-24 angekoppelt ist. Er erwies sich als unbeschädigt. Danach besserten sie ein Stück jener thermischen Isolierung aus, die bei der Berührung von Sojus TM-17 am 14. Januar 1994 leicht beschädigt worden war. Schließlich bereiteten die beiden Kosmonauten die Verlagerung der Solarflügel vom Modul Kristall zum Modul Kwant vor und befestigten Testmaterial an der Außenseite der MIR. Die Verlagerung der Solarflügel sollte das problemlose Andocken des amerikanischen Space Shuttle erleichtern. Waleri Poljakow überwachte die EVA vom Inneren der Raumstation aus.

Die zweite und letzte EVA während dieser Mission führten die beiden Kosmonauten am 14. September 1994 (6h 01m) durch. Dabei wurden Arbeiten zur Verlagerung des Solarflügels von Kristall zu Kwant ausgeführt. Zudem holten sie die Probenkassetten von der Rapana-Struktur. Letztlich inspizierten Juri Malentschenko und Talgat Mussabajew den Sofora-Mast.

Am 03. Oktober 1994 wurde vom Kosmodrom Baikonur die 17. Stammbesatzung der MIR, Kommandant Alexander Wiktorenko und Bordingenieurin Jelena Kondakowa zusammen mit dem deutschen Forschungskosmonauten Ulf Merbold an Bord von Sojus TM-20 auf den Weg zur Raumstation MIR geschickt. Während des Anfluges zur Station koppelte von dort der unbemannte Frachter Progress M-24 ab und wurde über dem südlichen Pazifik gezielt zum Absturz gebracht.

Nach zweitägigem Alleinflug koppelte Sojus TM-20 am 06. Oktober 1994 an die Raumstation MIR an. Während des automatischen Annäherungsmanövers zum Vorderstutzen der MIR kam das Raumschiff ins Trudeln. Kommandant Alexander Wiktorenko dockte daraufhin das Raumschiff manuell und ohne weitere Probleme an. Dies war genau das, was auch mit Progress M-24 passiert ist und zeigte, dass das Problem doch an Bord von MIR lag.

Wesentliches Ziel der Mission war der planmäßige teilweise Austausch der MIR-Stammbesatzung. Nach der Übergabe der Station durch die 16. MIR-Stammbesatzung bildeten Alexander Wiktorenko und Jelena Kondakowa zusammen mit dem Langzeit-Kosmonauten Waleri Poljakow die 17. Stammbesatzung der MIR.

Im Rahmen des europäischen Programms EUROMIR 94 arbeitete die Stammbesatzung zusammen mit Ulf Merbold an einem wissenschaftlichen Forschungsprogramm. Wissenschaftlicher Schwerpunkt des Flugprogramms waren dabei medizinische Tests. So wurden die Anpassung an die Schwerelosigkeit, Muskelschwund und Gewichtsverlust sowie die Umstellung der inneren Uhr untersucht. Darüber hinaus widmete man sich aber auch der Strahlenbelastung im Erdorbit. Um den allgemeinen Gesundheitszustand einschätzen zu können, nahm Ulf Merbold täglich Blut-, Urin- und Gewebeproben. Erstmals wurden von Bord der russischen Raumstation auch Videokonferenzen abgehalten. So hielt Ulf Merbold am 19. Oktober 1994 eine Unterrichtsstunde, in der er Fragen von Kindern beantwortete.

Im Verlaufe der Mission kam es mehrfach zu Energieengpässen, so dass das Untersuchungsprogramm umgestellt werden musste. Einmal führte eine extensive Experimentiertätigkeit sogar zu einer weitgehenden Entladung der Batterien auf der Station, wodurch eine kritische Situation eintrat. Energieintensiv waren auch die fünf geplanten materialwissenschaftlichen Experimente, die deshalb nicht mehr ausgeführt werden konnten. Während der Mission konnten die europäischen Wissenschaftler ihre automatischen Experimente weitgehend selbst überwachen.
Mit einem automatischen Manöver begab sich der Orbitalkomplex MIR am 11. Oktober 1994 in einen Energiesicherheitsmodus, d.h. alle Großenergieabnehmer an Bord wurden abgeschaltet. Der Grund dieser Maßnahme lag in einer Überbelastung des Energiesystems, hervorgerufen durch das Aufladen der Batterien des Raumschiffes Sojus TM-19 und der hohen Energiebelastung durch zahlreiche Video-Konferenzen. Da bei sechs Mann Besatzung die Lebenserhaltungssysteme oberste Priorität hatten, wurden die Stabilisierungskreisel ausgeschaltet. MIR wurde nun manuell in Position gehalten. In den nächsten Tagen bestand die Aufgabe der Besatzung darin, die heruntergefahrenen Kreisel wieder zu aktivieren und die Batterien vorsichtig wieder aufzuladen.

Zwei Tage später verursachte ein Kurzschluss einen kleinen Brand in dem Sauerstoffgenerierungssystem Elektron, der von Waleri Poljakow aber sofort gelöscht werden konnte.

Ab 01. November 1994 wurde es für Ulf Merbold Zeit, die gewonnenen Forschungsergebnisse zu verstauen. Die während des Flugs in dem ESA-Kühlschrank gelagerten Proben (34 Blut-, 85 Urin- und 125 Speichelproben) wurden von Ulf Merbold in einem isolierten Behälter mitgenommen, während der Rest mit Atlantis nach ihrem ersten erfolgreichen Andocken zurückgeführt wurde, denn weder in Sojus TM noch in den Raduga-Landekapseln war genug Platz. Leider waren vier Blutproben verdorben, weil während des Stromausfalls die Temperatur innerhalb des ESA-Kühlschranks auf fast 20°C gestiegen war.

Sojus TM-19 koppelte am 02. November 1994 ab und entfernte sich bis zu 190 Meter von der MIR, um danach im automatischen Modus das hintere Kopplungssystem zu testen. Das Flugmanöver dauerte 35 Minuten. An Bord befanden sich Juri Malentschenko, Talgat Mussabajew und Ulf Merbold. Das Manöver gelang, so dass der hintere Kopplungsstutzen für die Ankopplung der Progress-Frachter mit dem Kurs-System freigegeben wurde.

Am 04. November 1994 legte Sojus TM-19 Juri Malentschenko, Talgat Mussabajew und Ulf Merbold endgültig vom der Orbitalstation ab und landete einige Stunden später in der kasachischen Steppe.
In ihren Raumanzügen hatten die Kosmonauten ihre Plätze im Landemodul eingenommen, nachdem sie die Luke zur Orbitalsektion geschlossen hatten. Dann richteten sie das Raumschiff so aus, das die Triebwerke des Geräteteils in Flugrichtung zeigten. Diese wurden kurz darauf für 105,6 Sekunden gezündet und leiteten den Abstieg zur Erdoberfläche ein. Im nächsten Schritt erfolgte das planmäßige Abtrennen der Orbitalsektion und des Geräteteils, die beide in der Erdatmosphäre verglühten. Das verbleibende Landemodul wurde so ausgerichtet, dass der Eintrittswinkel für eine möglichst genaue Landung in Kasachstan erreicht wurde. Nach dem Eintritt in die Erdatmosphäre brach der Funkkontakt wegen der heißen Plasmagase rund um die Kapsel ab. Dann löste sich der Deckel des Fallschirmbehälters und der Bremsfallschirm wurde ausgestoßen. Nachdem auch der Hitzeschutzschild abgetrennt worden war, schwebte die Sojus an ihrem Hauptfallschirm Richtung Erdboden. Kleine Feststoff-Bremsraketen, die kurz vor dem Berühren des Bodens ausgelöst worden waren, verminderten die Aufprallgeschwindigkeit. Sofort nach der erfolgreichen Landung wurden die Fallschirmleinen gekappt, damit die Kapsel nicht durch den Wind über den Boden gezogen werden konnte. Nach der Landung gehört es zum Ritual, dass die Kosmonauten das Raumschiff mit ihrer Unterschrift versehen.

Fotos / Zeichnungen

 

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Letztes Update am 19. September 2014.