Stammbesatzungen der MIR

MIR: Expedition 9
(EO-9)

Besatzung, Start- und Landedaten

Nr.: 1 2
Nation:
Name:  Arzebarski  Krikaljow
Vorname:  Anatoli Pawlowitsch  Sergej Konstantinowitsch
Position:  Kommandant  Bordingenieur
Raumschiff (Start):  Sojus TM-12  Sojus TM-12
Startdatum:  18.05.1991  18.05.1991
Startzeit:  12:50 UTC  12:50 UTC
Raumschiff (Landung):  Sojus TM-12  Sojus TM-13
Landedatum:  10.10.1991  25.03.1992
Landezeit:  04:12 UTC  08:52 UTC
Flugdauer:  144d 15h 21m  311d 20h 01m
Erdorbits:  2288  4934

Double Crew

Nr.: 1 2
Nation:
Name:  Wolkow  Kaleri
Vorname:  Alexander Alexandrowitsch  Alexander Jurjewitsch
Position:  Kommandant  Bordingenieur

Expeditionsverlauf

Start vom Kosmodrom Baikonur; Landung 67 km südöstlich von Arkalyk.

Am 18. Mai 1991 startete die nächste Stammbesatzung der MIR an Bord des Raumschiffs Sojus TM-12. An Bord befand sich neben Kommandant Anatoli Arzebarski und Bordingenieur Sergej Krikaljow auch die britische Forschungskosmonautin Helen Sharman.
Von Hand gesteuert koppelte Sojus TM-12 nach zwei Tagen Alleinflug am Kwant1-Kopplungsstutzen an. Für die britische Forschungskosmonautin gab es relativ wenig Experimente an Bord von MIR. Zu Beginn der Flugplanung sah das Forschungsprogramm unter der Bezeichnung Juno umfangreiche technologische Experimentreihen vor. Finanziert werden sollten diese durch die britische Industrie, diese zog sich jedoch nach und nach aus dem Unternehmen zurück. Dank der Staatsbank der Sowjetunion, die die finanziellen Mittel zur Verfügung stellte, wurde das gesamte Unternehmen gerettet. Neben einigen Schülerexperimenten, so z.B. mit Stiefmütterchen und Kartoffeln, und der Übertragung für das britische Schulfernsehen blieb nicht viel von eigenen britischen Experimenten übrig. Auf dem Programm von Helen Sharman standen u.a. biochemische Blutanalysen. Sie passte sich wesentlich leichter an die Schwerelosigkeit an als der japanische Reporter Toyohiro Akiyama Ende 1990.
Wesentliche Aufgabe des Fluges war der Austausch der MIR-Stammbesatzung. Anatoli Arzebarski und Sergej Krikaljow bildeten die neunte MIR-Stammbesatzung.

Am 26. Mai 1991 legte Sojus TM-11 mit der bisherigen Stammbesatzung Wiktor Afanassjew und Mussa Manarow auch die britische Forschungskosmonautin Helen Sharman von der MIR ab. Wenige Stunden später landete das Raumschiff in der kasachischen Steppe.

Für die neunte Stammbesatzung standen vor allem Experimente zur Astronomie, Biologie, Chemie, Erderkundung, Raumfahrttechnik, Materialwissenschaft und Medizin auf dem Programm. Außerdem führten die Kosmonauten Wartungsarbeiten aus und wechselten mehrere Apparaturen gegen neue Systeme.
Die Kosmonauten führten eine Serie von Experimenten mit den Geräten Buket, Granat, und Marija durch. Ziel war das Studium von Eigenschaften der kosmischen Strahlung in den verschiedenen Wellenlängenbereichen sowie der Erforschung geladener Elementarteilchen innerhalb des Strahlungsgürtels der Erde.

Progress M-8, der nächste unbemannte Transporter, koppelte am 01. Juni 1991 um 09:44:37 UTC an die Orbitalstation an. Der zwei Tage zuvor gestartete Frachter brachte Treibstoff, Wasser und Nahrungsmittel, Post für die Besatzung und die neue Kurs-Antenne zur MIR. Eine Woche später wurden die Triebwerke von Progress M-8 genutzt, um die Umlaufbahn der Station anzuheben. Diese lag nun bei 390,8 bis 406,8 km.

Am 17. Juni 1991 wurde der kleine MAK-1 Satellit von der Test-Luftschleuse des MIR-Basisblocks ins All gesandt. Der Satellit sollte die Ionosphäre der Erde untersuchen. Aufgrund einer leeren Batterie ließen sich aber die Antennen des Satelliten nicht ausfahren, so dass der Satellit unbrauchbar durch das All taumelte. MAK-1 hätte schon vor einem Monat ausgesetzt werden sollen, was aber durch den straffen Arbeitsplan der Kosmonauten immer wieder verschoben worden ist. Es wurde entschieden, einen Ersatz so schnell wie möglich mit einer Fähre hochzuschicken.

Anatoli Arzebarski und Sergej Krikaljow führten die erste EVA am 24. Juni 1991 (4h 58m) durch. Dabei entfernten sie das beschädigte Rendezvous-System Kurs und ersetzen es durch eine neue Einheit, die von Progress M-8 mitgebracht worden war. Danach befestigten die Kosmonauten den Prototyp eines thermo-mechanischen Gelenks, das beim Aufbau künftiger Strukturen im Weltraum Verwendung finden soll. Zur Vorbereitung für weitere Arbeiten wurden auch Materialien an der Außenhülle von MIR befestigt. Es war der Auftakt einer ganzen Serie von Außenbordeinsätzen.

Der zweite Außenbordeinsatz erfolgte am 28. Juni 1991 (3h 24m). Die beiden Kosmonauten befestigten an der Außenhülle der Raumstation zunächst das neue Experiment TREK, mit dem superschwere Neutronenkerne erforscht werden sollen. Das Experiment wurde von der University of California entwickelt und durch Progress M-8 zur MIR angeliefert. Die Kosmonauten nutzten den Transportarm Strela zur Beförderung entlang der Raumstation. Daneben befestigten sie eine Fernsehkamera außen auf MIR. Die Montagearbeiten für einen großen gitterartigen Ausleger mit der Bezeichnung Sofora wurden von Anatoli Arzebarski und Sergej Krikaljow vorbereitet.

Für die dritte EVA verließen Anatoli Arzebarski uns Sergej Krikaljow am 15. Juli 1991 (5h 45m) die Raumstation. Sie installierten zunächst zwei Leitern am Modul Kwant1, um die Fortbewegung während der EVAs zu erleichtern. Danach installierten die Kosmonauten auf Kwant1 eine Plattform, der den 14,5 m langen Mast Sofora tragen soll, der aus einer neuartigen Titan-Nickel-Legierung besteht. Die Montage erfolgte mit Hilfe eines speziellen Kranarmes.

Am 19. Juli 1991 erfolgte die vierte EVA (5h 28m). Anatoli Arzebarski und Sergej Krikaljow installierten eine automatische Aufbau-Einheit, die ähnlich der von Leonid Kisim und Wladimir Solowjow im Jahr 1986 an Saljut 7 installierten Einheit ist. Der damalige Sofora-Mast war eine experimentelle Konstruktion. Die Kosmonauten befestigten 2 von 20 für Sofora geplanten Segmenten, ehe sie in die Raumstation MIR zurückkehrten. Für jedes Segment mussten mehrere Stäbe miteinander verschraubt werden. Nach dem Bekunden der Kosmonauten waren diese Arbeiten im ständigen Wechsel von Tag und Nacht während eines Umlaufs schwieriger als erwartet.

Vier Tage später, am 23. Juli 1991 (5h 34m) befestigten die beiden Kosmonauten während eines fünften Außenbordeinsatzes weitere 12 Segmente des Sofora-Mastes.

Während der sechsten und letzten EVA am 27. Juli 1991 (6h 49m) fügten die Kosmonauten die Segmente 15 bis 20 an den Sofora-Mast an, der damit seine volle Länge erreicht hatte. Schließlich befestigten sie die sowjetische Flagge in einem Metallrahmen an der Spitze des Mastes. Dies war nicht geplant gewesen, sondern geht auf eine eigenständige Entscheidung der Kosmonauten zurück.

Nach dem Ende der Bauarbeiten des Sofora-Mastes - jede EVA erforderte umfangreiche Vorarbeiten - konnten sich die beiden Kosmonauten wieder verstärkt den wissenschaftlichen Aufgaben widmen. Mit einem elektronischen Fotometer studieren sie die Struktur der Erdatmosphäre, indem sie die verringerte Leuchtkraft der Sterne am Erdhorizont messen. Die Erdbeobachtung im Auftrag der sowjetischen Wirtschaft wurde fortgesetzt. Bevorzugte Beobachtungsgebiete waren die landwirtschaftlichen Flächen, in denen Brände wüteten. Im Auftrag der sowjetischen Wirtschaft wurde eine Reihe fotografischer und visueller Beobachtungen durchgeführt. Das Beobachtungsgebiet lag in den Taiga-Massiven und dem Baikalsee, wo es um die Lokalisierung von Waldbränden ging. In Südsibirien wurden Regionen fotografiert, in denen die Landwirtschaft mit Hochwasser große Probleme hatte.

Der Transporter Progress M-8 koppelte am 15. August 1991 um 22:16:59 UTC vom Orbitalkomplex ab und wurde noch für wissenschaftliche Aufgaben genutzt. Dabei wurde z.B. ein Ballonsatellit ausgesetzt. Die Abdeckung der Box, in der der Satellit verstaut ist, löste sich programmgemäß. Der Satellit selbst entfaltete sich aber unregelmäßig und zerplatzte. Mit der genauen Vermessung seiner Bahn hätte die Dichte der oberen Atmosphäre vermessen werden sollen. Einen Tag später brachte die Bodenkontrolle Progress M-8 über dem südlichen Pazifik gezielt zum Absturz. Der Andockplatz war nun für das nächste Versorgungsraumschiff frei.

Der Transporter Progress M-9 erreichte am 23. August 1991 um 00:54:17 UTC den MIR-Komplex und koppelte an. Er war drei Tage zuvor vom Kosmodrom Baikonur in eine Umlaufbahn um die Erde gebracht worden. An Bord befanden sich vorwiegend die für die geplante AustroMIR-Mission benötigten Ausrüstungen. Zur angelieferten Fracht gehörten auch spezielle Dosen, die von der amerikanischen Firma Coca-Cola für den Gebrauch im Weltraum entwickelt wurden, und eine Raduga-Kapsel für die Rückführung von Forschungsergebnissen zur Erde.

Gegen Ende ihres Einsatzes verstärkten Anatoli Arzebarski uns Sergej Krikaljow noch mal ihre wissenschaftlichen Aktivitäten. Die Kosmonauten beendeten eine Serie aus dem Bereich der Materialstudien. Hierzu wurden Silizium-Halbleiter geschmolzen, wozu die Anlage Krater-V im Modul Kristall benutzt wurde. Fortgesetzt wurden die Schmelzen zur Herstellung von Kristallen. Hierzu wurde auch die Anlage Krater-V im Modul Kristall einbezogen. Im Bereich der Technologieexperimente wurden Schmelzen in der Anlage Gallar mit dem Ziel zur Herstellung von Galliumarsenid-Halbleitern durchgeführt. Mit den Teleskopen und Instrumenten an Bord von Kwant1 wurden Röntgenquellen im Weltall erforscht. Die Kosmonauten schlossen eine Serie von Aufnahmen des sowjetischen Territoriums ab. Im Vordergrund standen Regionen in den mittelasiatischen Wüsten. Im Auftrag von Fachleuten studierten sie auch die Küsten des Aralsees. Gebiete, in denen Erdöl- und Erdgasvorkommen vermutet werden, wurden von Bord des Orbitalkomplexes erkundet. Vom Südural und vom Nordkaukasus wurden hierzu umfangreiche Serien von Aufnahmen angefertigt.

Ende September 1991 konnten die Kosmonauten die Rückkehrkapsel Raduga von Progress M-9 mit 150 kg Forschungsergebnissen, darunter zahlreiche Fotos, beladen. Der unbemannte Frachter legte am 30. September 1991 um 01:53:00 UTC von der MIR ab. Raduga landete am 30. September 1991 um 08:16:24 UTC weich in der Sowjetunion, während der Progress-Versorgungsteil über dem südlichen Pazifik verglühte.

Am 02. Oktober 1992 startete vom Kosmodrom Baikonur das Raumschiff Sojus TM-13. An Bord befanden sich der Kommandant der 10. Stammbesatzung der MIR, der Russe Alexander Wolkow sowie der kasachische Forschungskosmonaut Toktar Aubakirow und der Forschungskosmonaut Franz Viehböck aus Österreich. Toktar Aubakirow wurde erst nachträglich in die Flugmannschaft aufgenommen, und sein Mitflug wurde als freundschaftliche Geste hinsichtlich der Problematik des Weltraumbahnhofs Baikonur auf kasachischem Staatsgebiet gewertet. Erstmals flogen zwei Gastkosmonauten zugleich mit einer Sojus-Kapsel zu MIR.
Sergej Krikaljow musste sechs Monate länger als vorgesehen im All bleiben, da die nächsten beiden geplanten Missionen aus Geldmangel zusammengelegt wurden und somit nur ein Mitglied der Stammbesatzung ausgetauscht werden konnte. Dies war mit ihm zuvor bereits abgesprochen worden.
Nach zweitägigem Alleinflug koppelte Sojus TM-13 am 04. Oktober 1991 an die Orbitalstation Sojus TM-12-Kwant1-MIR-Kwant2-Kristall an. Franz Viehböck wurde der erste Österreicher im Weltraum. Im Rahmen des Programms AUSTROMIR 91 erfolgten zunächst gemeinsame wissenschaftliche Arbeiten mit der neunten Stammbesatzung. Ungewöhnlich war, dass diesmal kein Bordingenieur zur Besatzung gehörte. Österreich zahlte für den Besuch von Franz Viehböck auf der MIR 7 Millionen Dollar.

Zunächst wurde das umfangreiche österreichische Forschungsprogramm absolviert, für das bereits vorher viele Ausrüstungsgegenstände zur Raumstation MIR gebracht worden waren. Es umfasste medizinische Untersuchungen zur Blutdruck- und Blutkreislaufregulation sowie zur Verteilung der Blutströme in der Schwerelosigkeit (Experiment Pulstrans), zur Ermittlung des Einflusses der Schwerelosigkeit auf Mikrovibrationen am Arm mittels einer speziell entwickelten Sensorjacke (nichtinvasiv) und zu Erkenntnissen über die Funktionsweise der Arm- und Beinmuskulatur. Dabei sollten die gewonnenen Erkenntnisse das Wissen über grundsätzliche Funktionsweisen des menschlichen Körpers verbessern und waren nicht auf kosmische Anwendungen ausgerichtet. Dazu trugen auch die Experimente Audimir zur Erforschung des Orientierungsvermögens über Klänge und Untersuchungen zur Blutzusammensetzung und Lungenfunktion bei. Viel Beachtung fand auch das physikalische Experiment Logion, bei dem die Funktionsfähigkeit von Flüssigmetall-Feldionenmittern unter Weltraumbedingungen studiert wurde. Solche Feldionenmitter sollen Spannungsüberschläge verhindern, die bisher häufig zu Ausfällen in der Energieversorgung von Raumfahrzeugen geführt hatten. An den dafür entwickelten technischen Geräten (Massenspektrometer, Bordcomputer, Ionenmikroskop) sind sowohl die ESA als auch die NASA interessiert. Weitere Experimente im Rahmen des Programmes Austromir betrafen die Fernerkundung mit einer Spezialkamera und einem Mehrkanal-Spektrometer (Reflexionseigenschaften verschiedener Boden- und Vegetationsflächen), die Datenerfassung, -speicherung und -übertragung über eine spezielle Kommunikationseinheit (Datamir) sowie Videokonferenzen und Amateurfunkkontakte mit Schulen in Österreich und der Sowjetunion. Einige der Experimente wurden durch die Stammbesatzung (Alexander Wolkow, Sergej Krikaljow) fortgeführt.

Wesentliche Aufgabe des Fluges war ein teilweiser Besatzungsaustausch der MIR. Alexander Wolkow und Sergej Krikaljow bildeten die zehnte MIR-Stammbesatzung.

An Bord von Sojus TM-12 legten Anatoli Arzebarski, Toktar Aubakirow und Franz Viehböck am 09. Oktober 1991 von der Orbitalstation ab. Einige Stunden später landete das Raumschiff in der Steppe des nunmehr unabhängigen Staates Kasachstan.
In ihren Raumanzügen hatten die Kosmonauten für die Rückkehr zur Erde ihre Plätze im Landemodul eingenommen, nachdem sie die Luke zur Orbitalsektion geschlossen hatten. Dann richteten sie das Raumschiff so aus, das die Triebwerke des Geräteteils in Flugrichtung zeigten. Diese wurden kurz darauf für 105,6 Sekunden gezündet und leiteten den Abstieg zur Erdoberfläche ein. Im nächsten Schritt erfolgte das planmäßige Abtrennen der Orbitalsektion und des Geräteteils, die beide in der Erdatmosphäre verglühten. Das verbleibende Landemodul wurde so ausgerichtet, dass der Eintrittswinkel für eine möglichst genaue Landung in Kasachstan erreicht wurde. Nach dem Eintritt in die Erdatmosphäre brach der Funkkontakt wegen der heißen Plasmagase rund um die Kapsel ab. Dann löste sich der Deckel des Fallschirmbehälters und der Bremsfallschirm wurde ausgestoßen. Nachdem auch der Hitzeschutzschild abgetrennt worden war, schwebte die Sojus an ihrem Hauptfallschirm Richtung Erdboden. Kleine Feststoff-Bremsraketen, die kurz vor dem Berühren des Bodens ausgelöst worden waren, verminderten die Aufprallgeschwindigkeit. Sofort nach der erfolgreichen Landung wurden die Fallschirmleinen gekappt, damit die Kapsel nicht durch den Wind über den Boden gezogen werden konnte. Nach der Landung gehört es zum Ritual, dass die Kosmonauten das Raumschiff mit ihrer Unterschrift versehen.

Fotos / Zeichnungen

Crew Sojus TM-13 an Bord der MIR Crew Sojus TM-13 an Bord der MIR
Crew Sojus TM-13 an Bord der MIR Crew Sojus TM-13 an Bord der MIR

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Letztes Update am 20. September 2014.