Stammbesatzungen der MIR

MIR: Expedition 27
(EO-27)

 

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Besatzung, Start- und Landedaten

Nr.: 1 2 3
Nation:
Name:  Afanassjew  Awdejew  Haigneré
Vorname:  Wiktor Michailowitsch  Sergej Wassiljewitsch  Jean-Pierre
Position:  Kommandant  Bordingenieur  Bordingenieur
Raumschiff (Start):  Sojus TM-29  Sojus TM-28  Sojus TM-29
Startdatum:  20.02.1999  13.08.1998  20.02.1999
Startzeit:  04:18 UTC  09:43 UTC  04:18 UTC
Raumschiff (Landung):  Sojus TM-29  Sojus TM-29  Sojus TM-29
Landedatum:  28.08.1999  28.08.1999  28.08.1999
Landezeit:  00:35 UTC  00:35 UTC  00:35 UTC
Flugdauer:  188d 20h 17m  379d 14h 52m  188d 20h 17m
Erdorbits:  2988  6007  2988

Double Crew

Nr.: 1 2 3
Nation:
Name:  Scharipow  Kaleri  André-Deshays
Vorname:  Salishan Schakirowitsch  Alexander Jurjewitsch  Claudie
Position:  Kommandant  Bordingenieur  Bordingenieurin

Expeditionsverlauf

Start vom Kosmodrom Baikonur; Landung 76 km nordöstlich von Arkalyk.

Am 20. Februar 1999 startete Sojus TM-29 vom Kosmodrom Baikonur mit Kommandant Wiktor Afanassjew, dem französischen Bordingenieur Jean-Pierre Haigneré und dem slowakischen Forschungskosmonauten Ivan Bella.
Nach zweitägigem Alleinflug koppelte Sojus TM-29 am 22. Februar 1999 an die Raumstation MIR an. Wiktor Afanassjew und Jean-Pierre Haigneré bildeten zusammen mit Sergej Awdejew die 27. und vorerst letzte Stammbesatzung der MIR.

Ivan Bella wurde der erste Slowake im All. Er unternahm dabei Forschungsarbeiten im Rahmen des Stefanik-Programms. Während seines fünftägigen Aufenthaltes führte er ein wissenschaftliches Programm namens Stefanik aus, während dessen die Strahlenbelastung an Bord gemessen, medizinische Experimente ausgeführt und das Ausschlüpfen von japanischen Wachtelküken in der Schwerelosigkeit dokumentiert werden sollte. Das Programm wurde nach einem berühmten slowakischen Politiker, Astronom und Pilot benannt, der 1919 durch ein Flugzeugunglück starb. Leider gingen bereits vier Wachteleier während des Transports zum Brutkasten kaputt. Die übrigen Eier wurden in zwei Inkubatoren gelegt, wobei einer durch Rotation eine kleine künstliche Schwerkraft erzeugt. Es wurde gehofft, dass während der Aufenthaltszeit von Ivan Bella alle Küken schlüpfen. Letztlich wurde der Sitz von Ivan Bella von Sojus TM-29 nach Sojus TM-28 transportiert und installiert.

Es war dies die erste Mission unter russischer Federführung mit drei Kosmonauten aus drei verschiedenen Ländern. Zwei der drei Sitze in der Sojus waren an andere Nationen (Frankreich und Slowakei) vermietet. Dies bedeutete, dass der an Bord der MIR befindliche Bordingenieur Sergej Awdejew einen doppelt so langen Aufenthalt absolvieren musste.

Am 27. Februar 1999 legte Sojus TM-28 mit Gennadi Padalka und Ivan Bella an Bord von der Orbitalstation MIR ab und landete dreieinhalb Stunden später - es war bereits der 28. Februar 1999 - in der kasachischen Steppe.

Am 02. April 1999 um 11:28:43 UTC wurde der unbemannte Frachter Progress M-41 vom Kosmodrom Baikonur auf die Reise zur russischen Orbitalstation geschickt.
Progress M-41 koppelte am 04. April 1999 um 12:46:49 UTC ohne jede Probleme an den MIR-Komplex an. Das unbemannte Transportraumschiff lieferte den Amateurradio-Satelliten Sputnik-99 an. An Bord waren insgesamt 2,5 Tonnen Lebensmittel, Treibstoff und Dinge, die für Jean-Pierre Haignerés Experimente gebraucht wurden, u.a auch 18 lebende Eidechsen. Wasser war diesmal nicht an Bord, da die MIR-Station noch über ausreichende Mengen Wasser verfügte.

Die erste EVA während dieser Mission wurde von Wiktor Afanassjew und Jean-Pierre Haigneré am 16. April 1999 (6h 19m) ausgeführt. Jean-Pierre Haigneré startete von Hand den Amateurradio-Satelliten Sputnik-99. Die verkleinerte Nachbildung des Sputnik 1-Satelliten war an Bord von Progress M-41 zur Station gebracht worden. Daneben installierten die beiden Kosmonauten Experimente an der MIR-Außenhülle und bargen andere Experimente, die früher dort installiert worden waren. Jean-Pierre Haigneré berichtete später, dass die Arbeiten sehr anstrengend waren und er danach Blutblasen an den Fingern hatte.

Im Juni 1999 war die Besatzung mit der Durchführung von Experimenten beschäftigt und hielt die Systeme in Gang. Die Stimmung an Bord war allerdings gedrückt. Der französische Gast verfolgte sehr engagiert sein wissenschaftliches Programm und dominierte das Leben an Bord. Ein Korrekturmanöver des Orbits von MIR wurde mit Hilfe der Manöver-Triebwerke von Sojus TM-29 durchgeführt. Es folgte ein weiteres Manöver zur Anhebung der Umlaufbahn mit dem Triebwerk von Progress M-41.

Am 07. Juli 1999 bemerkte die Besatzung ein Leck an Bord der MIR. Dieses war sehr klein, so dass für die Besatzung keine unmittelbare Gefahr bestand. Der Druckabfall konnte mit den Sauerstoffvorräten an Bord ausgeglichen werden. Sofort machten sich die Kosmonauten aber auf die Suche. Nach und nach wurden Luken geschlossen und in den isolierten Modulen der Druck gemessen. Der Hauptverdacht lag auf Kwant2. Möglicherweise waren Ventile undicht.

Am 16. Juli 1999 um 16:37:33 UTC wurde der unbemannte Frachter Progress M-42 vom Kosmodrom Baikonur gestartet. Der pünktliche Start war einige Zeit fraglich. Kasachstan hatte zunächst nicht die Einwilligung zum Start von Progress M-42 gegeben. Der Hintergrund des Streits: Am 06. Juli 1999 war eine Proton-Rakete mit einem militärischen Aufklärungssatelliten kurz nach dem Start explodiert. Weite Gebiete wurden durch den frei gewordenen Treibstoff in Mitleidenschaft gezogen.
Progress M-42 koppelte am 18. Juli 1999 um 17:53 UTC an die Raumstation MIR an. Neben insgesamt 2,5 Tonnen Wasser, Nahrungsmittel, Treibstoff und Post befanden sich auch eine Antenne und der Navigationscomputer an Bord des Transporters. Neben den üblichen Versorgungsgütern wurde auch ein spezieller Steuerungscomputer zu MIR transportiert. Dieser soll von der jetzigen Besatzung installiert werden. Nach den derzeitigen Plänen wird MIR ab Ende August 1999 ohne Besatzung fliegen. Der Steuerungscomputer soll in dieser Phase die Aufgaben der Besatzung übernehmen, wenn der Hauptcomputer ausgefallen ist: Alle größeren Energieverbraucher auf MIR abschalten und die Lagekontrolldüsen bedienen, damit die Raumstation solange möglichst optimal zur Sonne ausgerichtet ist, bis der Hauptcomputer wieder arbeitet. Die Antenne sollte während einer EVA außen an MIR angebracht werden.
Tags darauf wurden die Sachen aus Progress M-42 ausgepackt und in der MIR verstaut. Die Bordsysteme vom Transporter und der Raumstation wurden miteinander verbunden, um die Progress-Triebwerke von den Konsolen im Basisblock aus steuern zu können.

Wiktor Afanassjew und Sergej Awdejew unternahmen am 23. Juli 1999 (6h 07m) den zweiten Außenbordeinsatz. Zunächst stand die Lecksuche auf der Außenhülle von Kwant2 auf dem Programm - ein Zeichen dafür, dass die Bodenkontrolle dieses wenn auch kleine Leck als ein so großes Problem ansah, um ihm einen beträchtlichen Teil der EVA-Zeit zu widmen. Doch die Lecksuche gestaltete sich schwierig. In der Vergangenheit war es selbst mit fluoreszendierenden Gasen und speziellen Kameras an Bord des Space Shuttles nicht gelungen, das oder die Lecks des seit dem Unfall mit dem Progress-Frachter im Juni 1997 leck geschlagenen Modul Spektr zu lokalisieren. Den Kosmonauten ging es an diesem Tag nicht besser, so dass die Suche abgebrochen werden musste.
Als nächstes stand ein russisch-georgisches Experiment auf dem Plan. Es handelte sich hier um die von Progress M-42 mitgebrachte elliptische Antenne EGS (Abkürzung für Energija-GPI-Space, wobei GPI die Abkürzung von Georgian Polytechnic Intellect Ltd. ist, dem Hersteller der Antenne in der Republik Georgien) mit den Maßen von 6,4 x 5,2 Metern (Höhe: 1,1 Meter) im entfalteten Zustand, welche die Kosmonauten an der Sofora-Gitterstruktur anbringen und per Fernsteuerung entfalten sollten. Dies gelang nur bis zu 90 %. Nach mehreren Versuchen, die insgesamt 40 Minuten dauerten, einigte man sich darauf, bis zur nächsten EVA eine Fehleranalyse durchzuführen und es dann nochmals zu versuchen. Antennen vom gleichen Typ sollen in Zukunft auf geostationären Satelliten eingesetzt werden. Neuartig war dabei der Entfaltungsmechanismus, der getestet werden sollte.
Die Kosmonauten bargen zudem noch Experimente, die an der Außenhülle der Station angebracht worden waren, so z.B. Exobiology und Dwikon. Im ersteren Experiment wurden dabei organische Stoffe in einem Material eingeschlossen, das dem der Meteoriten ähnelt. Ziel des Langzeitversuchs war es, herauszufinden, inwiefern sich das organische Material unter dem Einfluss der Strahlung im Weltraum und den extremen Temperaturschwankungen verändert. Dwikon hingegen war ein Experiment zur Untersuchung des Einflusses von Abgasen aus den Korrekturdüsen von MIR auf die Strukturen der Raumstation.
Die EVA wurde in größter Eile beendet, weil die Wärmeregulierung am Raumanzug von Wiktor Afanassjew versagte. Ein Filter hatte sich überhitzt.

Am 28. Juli 1999 unternahmen Wiktor Afanassjew und Sergej Awdejew eine dritte und letzte EVA (5h 22m). Als erstes stand der erneute Versuch auf dem Programm, die am 24. Juli 1999 an Sofora angebrachte Antenne zu entfalten. Dies gelang bei dieser EVA. Nach weiteren Experimenten mit dem Entfaltungsmechanismus demontierten die Kosmonauten die Antenne und warfen sie über Bord. Die Antenne war nicht für Kommunikation vorgesehen gewesen, sondern nur für das Entfaltungs-Experiment. Nicht ohne Stolz bemerken die an diesem Experiment beteiligten georgischen Spezialisten in der georgischen Hauptstadt Tiblissi, dass heute der erste georgische Satellit gestartet worden sei.
Nach dem gelungenen Experiment mit der Antenne montierten als auch demontieren die Kosmonauten anschließend Experimente auf der Außenhülle von MIR. Nach knapp fünfeinhalb Stunden kehrten Wiktor Afanassjew und Sergej Awdejew wieder in die Raumstation zurück. Nach wie vor galt der Versiegelung der Schotten von Kwant2 nach den Problemen in der Vergangenheit besondere Aufmerksamkeit, so dass die Kosmonauten angewiesen wurden, den Luftdruck sowohl in der undichten Experimentsektion von Kwant2 als auch in der Ausstiegssektion ständig zu kontrollieren. Die hermetische Versiegelung hielt aber dicht; es wurde kein Druckabfall in der Ausstiegssektion beobachtet.

Ende Juli 1999 nahmen die Kosmonauten die Integration des Navigationscomputers zur Steuerung der Raumstation für die bald anstehende unbemannte Phase vor. Anfang August 1999 wurde der Navigationscomputer erfolgreich getestet. Die Crew bereitete sich auch langsam auf die Rückkehr vor. So verbrachten sie immer längere Zeitabschnitte in der Unterdruckhose Tschibis, um den Blutkreislauf wieder an irdische Verhältnisse zu gewöhnen.

Ein wissenschaftliches Highlight gab es für die Besatzung noch am 11. August 1999: Die Besatzung an Bord der MIR konnte den Kernschatten des Mondes während der totalen Sonnenfinsternis in Mitteleuropa und insbesondere in Deutschland sehen. Enthusiastisch berichteten sie über ihre Beobachtungen während zwei Orbits (Nr. 77.011 und 77.012). Bilder wurden ebenfalls zur Bodenkontrolle übertragen.

Am 23. August 1999 begannen die Vorbereitungen für die Konservierung der Station mit der Versiegelung der Docking-Sektion von Kristall. Der weitere Zeitplan sah so aus: Bis zum 24. August 1999 konnten Experimente im Modul Priroda gemacht werden, dann wurde am 25. August 1999 dieses Modul ebenfalls versiegelt. Anschließend waren Kwant2 und Kristall dran. Spektr brauchte nicht versiegelt zu werden, da es seit Juni 1997 unbrauchbar war.
Alle Geräte mit einem direkten Anschluss an das Vakuum außerhalb der Station wurden einer gesonderten Untersuchung unterworfen, um sicherzustellen, dass die Versiegelung in Ordnung ist, so z.B. die Wosduk- und die Elektron-Einheit. Während Wosduk das aus der Kabinenluft gesammelte CO² in den Weltraum ablässt, fällt bei der Elektron-Einheit Wasserstoff während der Sauerstoff-Produktion an, der ebenfalls entfernt werden muss. Alle unnötigen Sachen wurden in Progress M-42 verstaut. Der Frachter sollte in den nächsten Monaten den Orbit von MIR erhöhen, um ein vorzeitiges Verglühen zu verhindern.

Nach dem Abschalten der Systeme (nur die zur Steuerung notwendigen Computer waren noch aktiv) schlossen Wiktor Afanassjew, Sergej Awdejew und Jean-Pierre Haigneré am 28. August 1999 die Luke zwischen Sojus TM-29 und MIR und dockten von der Station ab. Die Station flog im automatischen Modus weiter. Wenige Stunden später landete die 27. Stammbesatzung in der Nähe der Stadt Arkalyk in der kasachischen Steppe.

Damit war die Forschungsarbeit an Bord der MIR-Station abgeschlossen. Nach einer unbemannten Flugphase wurde die Station im April 2000 von einer zweiköpfigen Besatzung auf den Absturz vorbereitet. In den 13 Jahren der MIR-Nutzung waren rund 22.000 Experimente innerhalb 20 verschiedener Forschungsprogramme auf der Station ausgeführt worden. Hierzu wurden 240 wissenschaftliche Geräte genutzt. Insgesamt kamen 14 t wissenschaftlicher Nutzlast zum Einsatz. Während dieser 13 Jahre hatte es ca. 1.500 technische Probleme an Bord der Station gegeben.

Fotos / Zeichnungen

EVA Afanassjew und Awdejew EVA Afanassjew
 

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Letztes Update am 05. Juli 2014.