Bemannte Raumflüge

Internationale Flug-Nr. 185

STS-76

Atlantis (16)

USA

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Start-, Bahn- und Landedaten

Startdatum:  22.03.1996
Startzeit:  08:13 UTC
Startort:  Cape Canaveral (KSC)
Startrampe:  39-B
Bahnhöhe:  296 km
Inklination:  51,6°
Ankopplung MIR:  24.03.1996, 02:34:05 UTC
Abkopplung MIR:  29.03.1996, 01:08:03 UTC
Landedatum:  31.03.1996
Landezeit:  13:28 UTC
Landeort:  Edwards AFB

Crew auf dem Weg zum Start

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Besatzung

Nr.   Name Vorname Position Flug-Nr. Flugdauer Erdorbits
1  Chilton  Kevin Patrick "Chilly"  CDR 3 9d 05h 16m  144 
2  Searfoss  Richard Alan  PLT 2 9d 05h 16m  144 
3  Sega  Ronald Michael  MSP 2 9d 05h 16m  144 
4  Clifford  Michael Richard Uram "Rich"  MSP 3 9d 05h 16m  144 
5  Godwin  Linda Maxine  MSP 3 9d 05h 16m  144 
6  Lucid  Shannon Matilda Wells  MSP 5 188d 04h 00m  2977 

Sitzverteilung der Besatzung

Start
1  Chilton
2  Searfoss
3  Sega
4  Clifford
5  Godwin
6  Lucid
Landung
1  Chilton
2  Searfoss
3  Sega
4  Clifford
5  Godwin
6  

Ersatz-Besatzung

Nr.   Name Vorname Position
6  Blaha  John Elmer  MSP

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Flugverlauf

Start von Cape Canaveral (KSC); Landung auf der Edwards AFB.

Der Start war bereits für den 21. März 1996 vorgesehen. Wegen zu starker Winde wurde aber bereits die Betankung um einen Tag verschoben. Kurz nach dem Abheben von der Startrampe registrierten die Ingenieure im Kontrollzentrum ein kleines Leck im Hydraulikaggregat Nr. 3. Die Verlustrate lag bei 1 % der Gesamtmenge der Flüssigkeit, so dass nach dem Einschwenken in die Erdumlaufbahn 15 bis 20 % der Flüssigkeit verloren gegangen war. Nach eingehender Diskussion wurde darauf verzichtet, einen sogenannten "Minimum Duration Flight" durchzuführen. In diesem Fall wäre die Atlantis nach nur eintägiger Kopplungszeit mit der MIR zur Erde zurückgekehrt. Die Berechnungen der Ingenieure ergaben jedoch, dass noch genügend Hydraulik-Flüssigkeit für die Landung zur Verfügung stehen würde, da das Aggregat nur während des Starts und der Landung benötigt wird.

Wesentliches Missionsziel war die dritte Ankopplung eines Space Shuttle an die russische Raumstation MIR. Mit Shannon Lucid sollte dabei erstmals eine amerikanische Astronautin für einer Langzeitmission zu der Orbitalstation befördert werden. Während der Kopplungszeit war ein Außenbordeinsatz im Rahmen der EDFT-Reihe und zur Ausstattung des "Docking Module" (DM) geplant.

Nach dem Erreichen der Erdumlaufbahn wurden die Frachtraumtüren geöffnet, das Spacehab aktiviert und die Raumanzüge für die EVA auf ihre Funktionsfähigkeit hin überprüft. Zugleich wurde die Annäherung an die russische Raumstation eingeleitet. Nach mehreren Triebwerkszündungen durch Kevin Chilton und Richard Searfoss erreichte die Atlantis am 23. März 1996 eine Position etwa in 600 Meter Entfernung. Ab hier übernahm Kevin Chilton die manuelle Steuerung des Orbiters. Er flog die Atlantis zunächst zu einem 205 Meter entfernten Punkt direkt unterhalb der Raumstation. Von hier aus flog er entlang des Radiusvektors bis auf 52 Meter an die Station heran. Ab diesen Punkt erfolgte der Endanflug, der in der zeitgerechten Ankopplung mündete.

Nach dem Abschluss der Dichtigkeitsprüfungen konnten zwei Stunden später die Luken geöffnet werden. Es folgte die übliche Willkommenszeremonie im MIR-Basisblock. Gleich danach begannen die beiden Mannschaften mit dem Transfer von insgesamt 2.011 kg Versorgungsgüter für die Raumstation. Darunter befanden sich 680 Liter Wasser, drei frisch aufgeladene Batterien, ein neuer Stabilisierungskreisel und 41 wissenschaftliche Experimente. Am Ende des Flugtages wurde Shannon Lucid als Forschungskosmonautin offiziell Mitglied der der 21. MIR Stammbesatzung. Hierzu wurde ihr speziell angepasster Schalensitz in das Raumschiff Sojus TM-23 eingebaut. Dies erfolgte für den Notfall, falls eine Rückkehr zur Erde erforderlich werden sollte, bevor Shannon Lucid mit STS-79 wieder abgeholt wird.

Während des gemeinsamen Fluges mit der 21. MIR Stammbesatzung (24. - 29. März 1996) wurde eine EVA durch Linda Godwin und Michael Clifford am 27. März 1996 (6h 2m) unternommen. Dabei wurde das Experimentierpaket MEEP (MIR Environmental Effects Payload) mit 4 unterschiedlichen Experimenten am Docking Module der Raumstation angebracht. Mit dem Polished Plate Micrometeorid Debris Collector (PPMDC) wurde die Anzahl und Stärke von Mikrometeoriteneinschlägen ermittelt. Es ließen sich außerdem Aussagen über Größe, Ursprung und Wirkung der Staubteilchen machen. Beim Orbital Debris Collector (ODC) handelte es sich um einen weiteren Staubsammler. Damit wurden sowohl vom Menschen verursachte Verunreinigungen als auch kosmische Partikel eingesammelt. Komplettiert wurde der Experimentalkomplex von zwei Päckchen mit unterschiedlichen Materialien, die beim Bau der Internationalen Raumstation zum Einsatz kommen sollen (POSA I und II). Dazu gehörten Farbschichten, Glas, mehrlagiges Isolationsmaterial und verschiedene Metalle. Alle vier Experimente sollten in etwa 18 Monaten wieder abgebaut und zur näheren Untersuchung auf die Erde transportiert werden. Zudem wurden neue Halteleinen und Fußhalterungen erprobt und eine Videokamera vom Kopplungsmodul demontiert. Zum zweiten Mal hatten die Raumfahrer das Rettungspaket SAFER (Simplified Aid For EVA Rescue) zur Verfügung. Dabei handelt es sich um eine kleine Manövriereinheit mit 24 Stickstoffdüsen, mit denen sich ein in Not geratener Astronaut zurück zum Shuttle bewegen kann. Die Geräte sind auf dem Rücken der Raumfahrer montiert und erreichen eine maximale Geschwindigkeitsänderung von drei Metern pro Sekunde. Normalerweise werden die Astronauten aber durch Sicherungsleinen vor einem Abdriften vom Raumfahrzeug bewahrt. Zusätzlich testeten beide Astronauten im Rahmen des EDFT-Programmes ein Sicherheitsgurtband und eine tragbare Fußhalterung. Letztlich demontierten sie noch die DM-Rendezvouskamera, die nur bei der Ankopplung des DM während der Mission STS-74 gebraucht wurde.

Im Spacehab war das von der ESA entwickelte BioRack im Einsatz. Mit ihm sollte die Widerstandsfähigkeit gegen kosmische Strahlung sowie die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf verschiedene biologische Proben erforscht werden. Untersuchungsobjekte waren Knochengewebe, hematopoietische Zellen, das Enzym PKC, Pflanzenwurzeln und Pflanzenzellen. Erstmals zum Einsatz kam das Experiment KidSat, mit dem amerikanische Schüler selbst die Steuerung einer Kamera übernehmen konnten. Deren Bilder wurden anschließend direkt in die beteiligten Schulen übermittelt. Mit dem Shuttle Amateur Radio Experiment (SAREX) konnten außerdem Schüler- und Studentengruppen mit den Raumfahrern in direkten Funkkontakt treten. SAREX ist seit vielen Jahren Bestandteil des Shuttle-Programms.

Weitere Untersuchungen an Bord der Atlantis betrafen die Messung von Interferenzsignalen im Bereich von 400 MHz bis 18 GHz in der Umgebung der russischen Raumstation (Experiment MEFC) und Messungen der Intensität eines erst vor wenigen Jahren entdeckten Gürtels niederenergetischer Teilchenstrahlung (TRIS), bei dem insbesondere die Gefährdung von empfindlichen elektronischen Geräten und Raumfahrern bei Außenbordarbeiten im Mittelpunkt des Interesses steht. Mit Hilfe von Polycarbonat-Detektoren lassen sich Art, Energie und Einschlagrichtung der Partikel bestimmen. Außerdem will man theoretische Aussagen darüber gewinnen, wie die elektrisch geladenen Kerne vom Magnetfeld der Erde eingefangen werden. Durchgeführt wurden des Weiteren Experimente zur Diffusion von Flüssigkeiten (QUELD), zur Herstellung von Proteinkristallen für medizinische Zwecke, zur Erprobung eines neuen Gasanalysesystems (GASMAP) und zur drahtlosen Vernetzung von Computern (WNE).

Nachdem sich die beiden Mannschaften voneinander verabschiedet hatten, wurden die Luken zwischen dem Orbiter und der Raumstation wieder verschlossen. Für eine letzte Schlafperiode blieben die beiden Raumflugkörper noch miteinander verbunden, ehe Kevin Chilton die Abkopplung einleitete. In 183 Metern Entfernung stoppte er die Atlantis und leitete den üblichen Inspektionsrundflug um die MIR ein, der von Richard Searfoss ausgeführt wurde. Eine Stunde später zündeten die beiden Piloten die Steuerungsdüsen, so dass die Atlantis sich auf einer niedrigeren Umlaufbahn bewegte und somit nach vorn wegflog.

Während der Kopplung hatte die Flugleitung den Astronauten mitgeteilt, dass die Mission wegen einer herannahenden Schlechtwetterfront um einen Tag gekürzt werden soll. Das Wetter war jedoch schneller als erwartet und so bestand an diesem Tag, dem 30. März 1996, keine Landemöglichkeit in Florida. Als die Besatzung die bereits geschlossenen Ladebuchttüren öffnen wollte, zeigten Sensoren an, dass sich einer der Haken nicht öffnen ließ. Ein Space Shuttle kann aber nur etwa viereinhalb Stunden mit geschlossenen Türen fliegen, ehe es überhitzt. Daher wurden sofort Pläne für eine Notlandung auf der Edwards AFB oder in White Sands entworfen. Glücklicherweise stellten sich die Sensoranzeigen als fehlerhaft heraus und die Ladebuchttüren konnten erneut geöffnet werden. Da auch am folgenden Tag wegen tief hängender Wolken eine Landung in Florida ausgeschlossen war, wurde die Atlantis zur Edwards AFB beordert.

Anmerkung

Shannon Lucid am 26. September 1996 um 12:13 UTC mit STS-79 gelandet.

Fotos / Zeichnungen

 

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Letztes Update am 27. Juli 2014.